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Ausgabe 2 - 2009
The Liver Meeting, Boston, 30. Oktober bis 3. November 2009
Neue Substanzen, neue Strategien und viele spannende Details Die
60. Tagung der AASLD fand in diesem Jahr großen Zuspruch. Nach Angaben des
Veranstalters waren über 8.000 Teilnehmer nach Boston gereist. Sie erlebten
eine Tagung mit vielen Möglichkeiten zur Fortbildung, aber auch vielen
wissenschaftlichen Neuigkeiten und Highlights. Unter anderem wurden klinische
Daten zur ersten Interferon-freien direkt antiviralen Hepatitis C-Therapie
vorgestellt. Insgesamt wurden nahezu 2.000 Arbeiten
präsentiert. Im Mittelpunkt standen die neuen Substanzen zur Behandlung der
Hepatitis C. Die Pipeline ist gut gefüllt. Fast jedes Pharmaunternehmen hat
eine oder mehrere Substanzen in der Prüfung und es gab eine kaum überschaubare
Flut von Arbeiten. Am weitesten entwickelt sind Telaprevir und Boceprevir. Hier
geht es aktuell in erster Linie um die Therapiedauer, den Nutzen einer Lead-in
Phase und das Dosierungsintervall. Offenbar reicht bei Telaprevir eine Therapiedauer
von 12 Wochen Triple-Therapie, gefolgt von 12 bzw. 24 Wochen pegIFN/Ribavirin. Unter diesem Regime
erreichten in PROVE 1 und 2 (gepoolte Daten) 65% der therapienaiven Patienten
mit HCV GT1 eine SVR im Vergleich zu 44% unter Standardtherapie. Insbesondere
profitierten auch die schwer zu therapierenden Patienten mit hoher Viruslast
(63% vs. 39%) oder Leberfibrose (61% vs. 30%) und die Älteren (59% vs. 29%)
signifikant von der Dreifachtherapie (Everson GT et al. #1565). In PROVE 3, in
der Therapieversager behandelt wurden, zeigte die abschließende Auswertung
ebenfalls ein positives Bild. Unter 12 Wochen TVP/pegIFN/RBV und 24 bzw. 48
Wochen pegIFN/RBV fanden sich erfreulich hohe SVR-Raten im Vergleich zur
Standardtherapie, nämlich Relapser 69% vs. 76% vs. 42%, Nullresponder 39% vs.
38% vs. 11%, früherer viraler Durchbruch 57% vs. 63% vs. 36%. Weniger als 10%
in dieser Studie waren Afroamerikaner (McHutchison JG et al. #66).  Telaprevir: Zweimal täglich geht auch 
Abb. 1: Telaprevir Ersttherapie. BID vs. TID und PEG2a vs. PEG2b, GT1
In der offenen
vierarmigen Studie C208 (n=161) wurden wichtige, praxisrelevante Fragen zu
Telaprevir untersucht. Ist Telaprevir dreimal täglich genauso wirksam wie
zweimal täglich? Und kann die Substanz gleichermaßen mit Peginterferon alpha-2a
und -2b kombiniert werden? Die Antworten lauten zweimal ja.
Nach 12 Wochen Triple-Therapie plus 12 Wochen pegIFN/RBV erreichten über 80%
der Patienten eine SVR und zwar unter allen Regimen (Abb. 1). Die meisten
Patienten wurden insgesamt 24 Wochen behandelt. Lediglich 29 Patienten (18%)
wurden 48 Wochen therapiert. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Exanthem,
Juckreiz, Anämie und Übelkeit. Sie waren in beiden Gruppen gleich verteilt.
Aufgrund von Nebenwirkungen brachen nur 11 Patienten die Behandlung ab.
Abbrüche wegen Hautausschlag waren deutlich seltener als in früheren Studien,
was dafür spricht, dass die Behandler gelernt haben, diese Nebenwirkung besser
zu managen. Bei 14 Patienten kam es zum virologischen Durchbruch, meist in den
ersten 3 Wochen (9/14) und meist bei Gentyp 1a (11/14). Neue Resistenzmutationen
wurden nicht beobachtet (Marcellin P et al. #194).
Boceprevir: Wirkt auch bei Nullrespondern

Abb. 2: SPRINT-1: Boceprevir Ersttherapie nach Lead-in.
SVR-Raten in Abhängigkeit vom Ansprechen auf PegInterferon und Ribavirin in der
Lead-in Phase
Boceprevir wird
voraussichtlich nach Telaprevir der zweite Proteasehemmer auf dem Markt sein.
Er wurde in SPRINT-1 geprüft, einer Phase-2-Studie an knapp 600 therapienaiven
Patienten. Jetzt wurden die Daten der 206 Patienten mit einem vierwöchigen
Lead-in mit pegIFN/RBV retro-spektiv genauer analysiert. 159/209 Patienten
hatten in den ersten vier Wochen unter pegIFN/RBV einen Abfall <1.0 log10 IU/ml. Von diesen Nullrespondern erreichten 38%
schließlich doch eine SVR und zwar 55% nach einer 44wöchigen Triple-Therapie
und 25% nach 24 Wochen Triple-Therapie. Von den Patienten, die beim Lead-in
eine RVR erreichten, war die SVR nicht abhängig von der anschließenden
Therapiedauer (94% vs. 82%). Dagegen profitierten die Patienten ohne RVR
deutlich von der Therapieverlängerung (79% vs. 21%). Die SVR in der
Kontrollgruppe lag bei 38% (Abb. 2). Daraus schließen die Autoren, dass das
Ansprechen in der Lead-in Phase ebenso wie die RVR möglicherweise eine
Individualisierung der Therapie erlaubt. Spezifische Nebenwirkungen von
Boceprevir wurden nicht beobachtet. Der Einsatz des Proteasehemmers war
allerdings mit einem Hämoglobin-Abfall von rund 1 g/dl verbunden (Kwo PY et al.
#62 und #1582). Narlaprevir und BI 201335: 12-Wochen-Daten  Abb. 3:
BI 201335. RVR- und EVR-Raten Für die
Nachfolger von Telaprevir und Boceprevir laufen bereits die ersten
Phase-2-Studien. Vorgestellt wurden 12-Wochen-Daten zu BI 201335 und
Narlaprevir, die beide nur einmal täglich eingenommen werden müssen. In der
Studie SILEN-C1 wird der neue Proteasehemmer BI 201335 des Unternehmens
Boehringer Ingelheim geprüft. Die 427 therapienaiven Patienten erhalten in der
vierarmigen Untersuchung 24 Wochen Triple-Therapie (zwei Arme mit 3-tägigem
Lead-in pegIFN/RBV) und anschließend 24 bzw. 48 Wochen Standardtherapie.
Präsentiert wurde die erste Auswertung nach 12 Wochen. Eine RVR erreichten im
Vergleich zur Standardtherapie maximal 92% vs. 16% der Patienten (HCV-RNA
<25 IU/ml) und eine EVR nach 12 Wochen maximal 91% vs. 42% (HCV-RNA <10
IU/ml) (Abb. 3). Zum virologischen Durchbruch kam es in den ersten vier Wochen
bei 2-3%, in den folgenden 8 Wochen bei bis zu 1,4% der Patienten. Im Hinblick
auf die Verträglichkeit wurden neben gastrointestinalen Beschwerden selten
Exantheme, aber unter der höheren Dosierung bei bis zu 20% der Patienten ein
Ikterus beobachtet. Der Proteasehemmer kann bekanntermaßen innerhalb der ersten zwei Wochen zu einem
dosisabhängigen Anstieg des unkonjungierten Bilirubins führen. Der
durchschnittliche Anstieg in der Studie lag zwischen 0,6 und 1,5 mg/dl, maximal
9,1 mg/dl (Sulkowski MS et al. #LB3). Narlaprevir, die Folgesubstanz von
Boceprevir aus dem Haus Schering Plough, wird mit Ritonavir geboostert, d.h.
Ritonavir behindert den Abbau von Narlaprevir in der Leber und führt so zu
einer höheren Medikamentenexposition. In der Studie werden 111 therapienaive
Patienten 12 Wochen lang mit Narlaprevir plus pegIFN/RBV (2 Arme mit 4 Wochen
Lead-in pegIFN/RBV) und dann 36 Wochen mit Standardtherapie behandelt. Eine RVR
erreichten im Vergleich zur herkömmlichen Behandlung in den Narlaprevir-Armen
bis zu 87% vs. 0% der Patienten, eine EVR 87% vs. 17% (HCV-RNA <10 IU/ml).
Die vierwöchige Vorbehandlung mit pegIFN/RBV hatte einen günstigen Einfluss auf
die RVR, nicht jedoch auf die EVR. Nullresponder in der Lead-in Phase sprachen
gleichermaßen günstig auf die Triple-Therapie an, bei 2/11 kam es jedoch im
weiteren Verlauf zum virologischen Durchbruch. Die Verträglichkeit war gut,
lediglich Anämie und Benommenheit wurden häufiger beobachtet (JM Vierling et
al. #LB4). Erste Therapie ohne Interferon
IL28B-Polymorphismus
als Prädiktor für SVR
Patienten mit einem CC-Genotyp für IL28B
erreichen deutlich häufiger eine SVR als Patienten mit TT. Möglicherweise ist
dies die Erklärung für das schlechtere Ansprechen von Afroamerikanern, denn 37%
von ihnen haben den ungünstigen Genotyp. Ein kommerzieller Test wird bereits
entwickelt und dürfte auch für Weiße interessant sein, denn auch bei diesen
Patienten beträgt der Unterschied in der SVR zwischen den Genotypen CC und TT
rund 50%.
Thompson
AJ et al. #LB5
HIV
allein kein negativer Prädiktor bei LTX
In einer gemeinsamen Analyse von 18
amerikanischen Transplantationszentren lag das 1- bzw. 3-Jahresüberleben für
die transplantierte Leber lag bei HIV/HCV-Koinfizierten bei 71% und 59%, bei
Monoinfizierten 86% und 67%. Signifikante negative Prädiktoren bei den
Koinfizierten waren ein niedriger BMI (<21), eine HCV-positive Spenderleber,
eine duale Leber-Nieren-Transplantation und eine behandelte Abstoßung. Die kumulative
Indizienz für eine schwere HCV-Reinfektion betrug bei den Koinfizierten 18%,
bei den Monoinfizierten 8%, wobei der einzige Prädiktor für das schwere
HCV-Rezidiv eine behandelte Abstoßung war und nicht der HIV-Status.
Terrault N et al. #195
Atemtest
für Leberfunktion
Nach oraler Gabe von
radioaktiv markiertem 13C Methacetin wird dieses von der Leber in
verstoffwechselt und 13 CO2 in der Atemluft gemessen.
Je langsamer 13 CO2 in der Atemluft erscheint, umso schlechter
ist die Leberleistung. Dieses nichtinvasive Verfahren korrelierte in einer
Studie an 395 Patienten sehr gut mit dem MELD-Score und der Prognose. Sollten
sich die Ergebnisse bestätigen, könnte der Parameter in den MELD-Score
aufgenommen werden.
Lalazar G et al, # 96
Rechte Randspalte
Missachten
der Stoppregeln – gut oder schlecht?
Deutsche Ärzte folgen den
Leitlinien immer besser, wenn es um die Messung der HCV-RNA zu Woche 12 und 24
geht. Doch sie missachten die Stoppregeln. In einer deutschen prospektiven
Patientenkohorte wurde die Mehrzahl der Patienten ohne EVR weiterbehandelt,
ebenso Patienten, die zu Woche 24 noch HCV-positiv waren. Die SVR-Raten dieser
Patienten waren erstaunlicherweise 5- bis 10-mal höher als in der Literatur
angegeben.
Niederau C et al. #873
Verlauf
der akuten Hepatitis C bei HIV
In einer britischen Studie wurden die Daten von
100 HIV-Patienten mit akuter Hepatitis C ausgewertet, die im Schnitt 3 Jahre
lang mindestens einmal alle drei Monate zur Kontrolle kamen. Bei 16% der
Patienten heilte die Hepatitis C spontan aus, bei 84% wurde sie chronisch.
Letztere Gruppe zeigte fluktuierende HCV-RNA-Spiegel (37%), bei denen ein
initialer Abfall der HCV-RNA von einem Anstieg >1 log gefolgt wurde. Die
Spontanheilung war dagegen mit einem Abfall der HCV-RNA >1,7 log innerhalb
von 100 Tagen, einer höheren CD4-Zahl (650 vs 520/µl) und einem höheren
maximalen Bilirubin (23 vs 18 g/dl). Zur Superinfektion kam es bei 40% der
Patienten.
Holubar M et al. #83
Nutzen
der HCV-Therapie
Klare Belege für den Nutzen der Therapie der
Hepatitis C liefert eine Analyse der Daten aller Patienten (n=515) der
amerikanischen Mayo-Klinik, die in den letzten 8 Jahren behandelt wurden. Die
5-Jahres-Mortalität war bei den Patienten mit SVR mit 3% am geringsten, bei den
Therapieabbrechern mit 19% am höchsten. 19 Patienten ohne Zirrhose mussten
behandelt werden, um einen Todesfall zu vermeiden.
Chandok N et al. #119
Das Highlight des
Kongresses war die Präsentation der ersten Daten der Studie INFORM-1, in der
erstmals eine Interferon-freie, orale, zweimal tägliche Therapie geprüft wird.
In der Untersuchung wird das Nukleosid R7128 mit hoher Resistenzbarriere mit
dem Proteasehemmer R7227 mit niedriger Resistenzbarriere, aber hoher
antiviraler Wirksamkeit kombiniert. Unter der Therapie kam es innerhalb von 14
Tagen bei 73/74 Patienten zu einem kontinuierlichen Abfall der Viruslast. Bei
einem Patienten kam es zum viralen Durchbruch, Resistenzen wurden aber nicht
beobachtet. Unter der höchsten Dosierung (Polymerasehemmer R1728 1.000 mg plus
Proteasehemmer R7227 600 mg BID) fiel die HCV-RNA innerhalb der ersten 14 Tage
um 4,8 bis 5,2 log. Bei 63% der Patienten lag die HCV-RNA unter der
Nachweisgrenze von 40 IU/ml (Abb. 4). Die Verträglichkeit war gut, kein Patient
brach wegen Nebenwirkungen ab und in keinem Fall musste die Dosierung reduziert
werden. 
Abb. 4: : INFORM-1. Unter der
Kombination eines Proteasehemmers und Polymerasehemmers fällt die HCV-RNA bei
Interferon-naiven und Interferon-Nullrespondern gleichermaßen stark ab
Die Phase 2 der
klinischen Prüfung soll Anfang 2010 beginnen, vermutlich nicht in den USA, da
die amerikanische FDA direkt antivirale Therapien ohne Interferon nur über 14
Tage erlaubt, aus Angst vor Resistenzen (Gane EJ et al. #193).
Albinterferon: Sicherheit bestätigt
Auch ein neues
Interferon steht kurz vor der Zulassung. Albinterferon ist ein rekombinantes
Molekül aus humanem Albumin und pegyliertem Interferon-alpha 2b, das nur einmal
alle zwei Wochen gespritzt werden muss. In den Phase-3-Studien ACHIEVE-1 und -2
wurden zwei Dosierungen AlbIFN 900 µg qw2 und 1.200 µg qw2 gegen pegIFN-2a
jeweils in Kombination mit Ribavirin an 1.331 Patienten mit HCV Genotyp 1 bzw.
2/3 geprüft. Die SVR-Raten waren in beiden Studien vergleichbar. Unter dem
neuen Interferon wurden nach einiger Zeit häufiger interstitielle
Lungenerkrankungen (ILD) beobachtet. Aus diesem Grund wurden bei 753/1.323
(57%) Patienten mit GT1 und 654/932 (70%) mit GT 2/3 eine Röntgenaufnahme
gemacht. Diese sowie alle weiteren Befunde zum Thema wurden dann von einem
verblindeten, unabhängigen Expertengremium überprüft. Es zeigte sich, dass
Albinterferon keinen ungünstigen Effekt auf die Lunge hat. Lungenerkrankungen
waren in allen Gruppen gleich häufig (4,5% vs 4,3% vs 4,8%) und zwar bei
Patienten mit und ohne Husten, mit und ohne Dyspnoe und mit und ohne Rauchen
aktuell oder in der Vorgeschichte (Sulkowski MS et al. #64, Benhamou Y et al. #1567, McHutchinson JG et al. #1572).
Ribavirin: Was bringt
Lead-in? 
Abb. 5: Vier Wochen Ribavirin Lead-in erhöht das Ansprechen
bei Nonrespondern
Ribavirin gilt als ein wichtiger
Pfeiler des Therapieerfolges, wobei eine höhere Dosis bzw. ein höherer Abfall
des Hämoglobins unter der Therapie als günstiger Prädiktor gilt. Dies wurde von
australischen Arbeitsgruppen bestätigt. In der großen CHARIOT-Studie an rund
700 Patienten mit HCV GT1 erreichten signifikant mehr Patienten eine SVR mit
einem Hb-Abfall von jemals >3 g/dl (54% vs. 46%) bzw. einem Hb >10 g/dl
(61% vs. 50%) (Sievert W et al. #1557).
Mit dem Effekt eines
„Ribavirin-Primings“ beschäftigten sich zwei Arbeiten. In einer Pilotstudie
wurden 10 konsekutive
Nonresponder auf mindesten 12 Wochen Therapie im Rahmen
einer Retherapie zunächst vier Wochen lang mit 1.000-1.200 mg RBV und dann 52
Wochen mit Standardtherapie behandelt. Nach 12 Wochen lag die HCV-RNA bei 5
Patienten <40 IU/ml, sieben erreichten eine EOT und 5 eine SVR (Brillianti S
et al. #32) (Abb. 5). Auf welche Weise die Ribavirin-Vorbehandlung den
Therapieerfolg günstig beeinflussen könnte, ist unklar. Eine NIH-Arbeitsgruppe
fand nach vierwöchiger Ribavirin-Monotherapie zwar interessanterweise einen
Abfall der HCV-RNA um 0,7 log, aber keine Veränderung der viralen Kinetik unter
der anschließenden Standardtherapie (Noureddin M et al. #835). Dagegen
schnitten HIV/HCV-Koinfizierte (n=410) unter peg/IFN plus 800 mg vs.
1.000-1.200 mg gleich gut ab (SVR 19% vs. 22%, Weiße 32% vs. 28%, Abbrüche 57%
vs. 59%) (Rodriguez-Torres M et al. #1561).
Was bringt Interferon Lead-in?
In der
PROGRESS-Studie wurde die Wirksamkeit einer doppelten Dosis pegIFN in den
ersten 12 Wochen sowie von hochdosiertem Ribavirin (1.400-1.600 mg) geprüft.
Von diesem Ansatz scheinen die schwer zu behandelnden Patienten mit Übergewicht
(96 kg), NASH und hoher Viruslast (3 Mio IU/ml) zu profitieren. Sie erreichten
häufiger eine SVR als im Vergleich zur Standardtherapie, wobei der Unterschied
zwischen Interferon-Induktion oder hochdosiertem Ribavirin oder beidem nicht
stark ausgeprägt war. Die Verträglichkeit der intensivierten Therapie war mit
der Standardtherapie vergleichbar (Reddy KR et al. #61).
Keine Angst vor Neutropenie
Abb. 6: Infektionen sind bei Patienten mit Neutropenie nicht
häufiger
Laut einer
retrospektiven Analyse der Daten von 321 Patienten eines Zentrums in Rotterdam
führt eine Neutropenie nur selten zu Infektionen. Bei 30% der Patienten fiel
die Zahl der Neutrophilen unter Standardtherapie <750/µl und bei 5%
<375/µl. Bei 22% der Patienten wurden Infektionen beobachtet, 14% davon
waren schwere Infektionen. Bei 6% wurde die Interferon-Dosis wegen der
Neutropenie reduziert, 4 Patienten (1%) haben aus diesem Grund abgebrochen. Infektionen
wurden bei den Patienten mit Neutropenie nicht häufiger beobachtet. Vielmehr
korrelierte die Infektionsrate mit dem Alter, einem Diabetes sowie
Leberzirrhose (Abb. 6) (Roomer R et al. #33).
Hepatitis B
Bei der
chronischen Hepatitis B sieht das Bild ganz anders aus als bei der Hepatitis C.
Neue Substanzen sind aktuell nicht in greifbarer Nähe. Präsentiert wurden in
erster Linie Langzeitdaten und Details zu den bekannten Nukleos(t)iden sowie
Erfahrungen bei besonderen Patientengruppen. Im Mittelpunkt des
wissenschaftlichen Interesses scheint als neuer Endpunkt die „Ausheilung“ der
Hepatitis B zu stehen.
Gute Langzeitwirksamkeit
Unter Tenofovir
sind rund 95% der HBeAg-positiven und 87% der HBeAg-negativen Patienten der Zulassungsstudien 102 und 103
auch nach drei Jahren Therapie noch unter der Nachweisgrenze. Resistenzen
wurden nicht beobachtet (Marcellin P et al. #481; Heathcote EJ et al. #483).
Eine ähnlich gute Wirksamkeit zeigt sich im klinischen Alltag. Laut Florian van
Bömmel, Berlin, der Daten aus 19 europäischen Zentren präsentierte, haben hier
ebenfalls rund 92% der Patienten eine nicht nachweisbare HBV-DNA und keine
Resistenz. 94% der 174 HBeAg-positiven bzw. -negativen Patienten waren
vorbehandelt (van Bömmel F et al. #221).
Zu Entecavir wurden ebenfalls Daten aus
dem klinischen Alltag präsentiert. In Mailand waren 376 konsekutive Patienten
mit Entecavir behandelt worden. 84% der Patienten aus 16 italienischen Zentren
waren HBeAg-negativ, 47% hatten bereits eine Leberzirrhose. Nach 48 Wochen lag
die HBV-DNA bei rund 80% der Patienten mit einer Ausgangsviruslast von >8 Logstufen unter der Nachweisgrenze von <12
IU/ml. Nach zwei Jahren hatten 96% der Patienten dieses Ziel erreicht.
Insgesamt sieben Patienten benötigten ab Woche 48 zusätzlich das
Nukleotidanalogon Tenofovir. Bei vier Patienten stieg die Viruskonzentration
wieder, eine Resistenz gegen Entecavir konnte aber nicht nachgewiesen werden
(Lampertico P et al. #220).
Zu Telbivudin wurden vier-Jahres-Daten
der GLOBE-Studie präsentiert. Hier zeigten 92% der Patienten, deren Viruslast
zu Woche 24 negativ waren, eine HBV-DNA <300 Kopien/ml. Insgesamt hatten von
den weiter verfolgten Patienten 84% der HBeAg-negativen und 79% der
HBeAg-positiven Patienten eine nicht nachweisbare Viruslast (Wang Y et al.
#482).
Dekompensierte Leberzirrhose

Abb. 7: Tenofovir vs. Tenofovir/Emtricitabin vs. Entecavir
bei Leberzirrhose-Patienten. Anteil der Patienten mit nicht nachweisbarer
HBV-DNA. ITT-Analyse
Der Effekt von Tenofovir, der
Fixkombination Tenofovir/Emtricitabin oder Entecavir bei Patienten mit
dekompensierter Leberzirrhose wurde in einer internationalen Studie untersucht.
84% der Teilnehmer waren Männer, 54% waren Asiaten, das mittlere Alter lag bei
52 Jahren, der Child-Pugh-Score bei 7 und der MELD-Score bei 9,5. Ein Drittel
hatte eine eingeschränkte Nierenfunktion mit einer Kreatinin-Clearance <80
ml/Min. Die virologische Wirksamkeit, der Effekt auf die Leberfunktion und die
Verträglichkeit der drei Therapieoptionen waren vergleichbar. Nach 48 Wochen
lag die HBV-DNA bei 71%, 88% bzw. 73% der Patienten <400 Kopien/ml (Abb. 7).
Bei den vorbehandelten Patienten mit LAM-Resistenz schnitt Tenofovir erwartungsgemäß
besser ab (50% vs. 89% vs. 33%). Eine HBeAg-Serokonversion wurde bei 21%, 13%
und 0% beobachtet und ein „Versagen“ aufgrund von Verträglichkeitsproblemen
hatten 7%, 4% und 10% der Teilnehmer (Y Liaw et al. #122). Serokonversion
Das neue Ziel der
Therapie der Hepatitis B ist neben der Suppression der Virusreplikation auch
die immunologische Kontrolle der Erkrankung, gemessen an der HBe- und
HBsAg-Serokonversion. Dieses Ziel scheint zumindest bei einem Teil der
Patienten mit komplett supprimierter Viruslast erreichbar, wenn man sie nur
lange genug behandelt. In den Nukleos(t)id-Studien steigt die Rate der
HBsAg-Verluste und -Serokonversionen mit der Zeit langsam, aber kontinuierlich.
Auf der Suche nach Prädiktoren für die Serokonversion scheint das quantitative
HBsAg ein guter Marker zu sein.
Entecavir beispielsweise hatte in der
Phase-3-Studie BMS 022 zu Woche 120 bei 5,1% der HBeAg-Positiven zum
HBsAg-Verlust geführt im Vergleich zu 2,8% unter Lamivudin. Interessanterweise
waren es unter beiden Medikamenten gleichermaßen vor allem Patienten mit
HBV-Genotyp A und D (7,1% und 8,1%), während Patienten mit Genotyp B und C
(2,1% und 0,5%) deutlich schlechter abschnitten (Gish RG et al. #388).
Unter Tenofovir, das bei
HIV/HBV-Koinfizierten ja schon seit längerem eingesetzt wird, kam es bei dieser
Patientengruppe nach fünf Jahren in einer holländischen Arbeit bei rund 12% und
in einer österreichischen Untersuchung bei 11% zum HBsAg-Verlust (Reijnders JG
et al. #425, Kosi LM et al. #391).
In der GLOBE-Langzeitbeobachtung
hatten unter Telbivudin im dritten Jahr 7% der Patienten HBsAg verloren (5,6%
HBeAg-positiv, 1,4% HBe-negativ) und bei 3,1% bzw. 0,7% wurde eine
HBsAg-Serokonversion dokumentiert (Wursthorn K et al. #487).
HBsAg als Prädiktor
Abb. 8: HBsAg-Kinetik unter drei Jahren Telbivudin. Man
erkennt drei Muster, wobei der rasche Abfall bis zu Woche 24 signifikant mit
dem konsekutiven HBsAg-Verlust korreliert
Ähnlich auch wie in früheren Studien
war das quantitative HBsAg auch unter Telbivudin ein Prädiktor für den
HBsAg-Verlust. In einer Substudie von GLOBE zeigten HBV-Viruslast und
HBsAg-Konzentration initial eine enge Korrelation und zwar sowohl bei den
HBeAg-positiven wie -negativen Patienten (p<0,001) und im Verlauf der
Telbivudin-Therapie fiel der HBsAg-Spiegel in beiden Gruppen im Lauf der drei
Jahre kontinuierlich ab. Zwischen den HBeAg-Positiven und -Negativen wurden
allerdings Unterschiede beobachtet. Bei den HBeAg-positiven Patienten war der
Abfall bereits im ersten Jahr besonders ausgeprägt, während der steilste Abfall
bei den HBeAg-Negativen im zweiten und dritten Jahr der Behandlung beobachtet
wurde. Zudem waren bei den Patienten mit und ohne HBsAg-Verlust bereits in den
ersten 24 Wochen unterschiedliche kinetische Muster erkennbar, wobei ein
rascher Abfall >0,5 log IU/ml hochsignifikant mit dem HBsAg-Verlust
korrelierte (Abb. 8) (Wursthorn K et al. #487). In machen Studien wurden andere
Cut-offs gemessen. In der Studie mit PegInterferon alpha-2a beispielsweise
hatten 62% der Patienten mit einem HBsAg <1.000 IU/ml sechs Monate nach
Therapiebeginn fünf Jahre später HBsAg verloren im Vergleich zu 21% mit einem
HBsAg-Spiegel über diesem Wert (Marcellin P et al. #387). Verträglichkeit und Sicherheit
Generell ist die Verträglichkeit und
Sicherheit der Nukleos(t)ide sehr gut. Doch wie sieht es unter Langzeitgabe
aus? Und wie steht es mit seltenen Nebenwirkungen? Mit dieser Frage
beschäftigten sich zahlreiche Arbeiten. Unter Tenofovir beispielsweise kann es
zu einem Anstieg des Kreatinins und einem Abfall des Phosphats kommen. In den
Tenofovir-Zulassungsstudien 102 und 103 wurde allerdings innerhalb von drei
Jahren ein Kreatinin-Anstieg >0,5 mg/dl und ein Phosphat <2 mg/dl nur bei
jeweils <1% der Patienten beobachtet (Marcellin P et al. # 481; Heathcote EJ
et al. #483). Bei HIV/HBV-koinfizierten Patienten beschrieb eine holländische
Arbeitsgruppe einen signifikanten Abfall der glomerulären Filtrationsrate
innerhalb von fünf Jahren von 105 auf 94 ml/Min. 9% der Patienten entwickelten
eine Nierenfunktionsstörung und 3 Patienten (n=102) mussten die Therapie
deshalb abbrechen (Reijnders JG et al. #425). Möglicherweise kann Tenofovir
auch bei Patienten mit suboptimalen Vitamin-D-Spiegeln und verminderter
Kalziumaufnahme zu einem sekundären Hyperparathyreoidsmus führen und damit
einer Osteoporose Vorschub leisten (Constable C et al. #451).
Unter Telbivudin
waren in der Langzeitstudie in den vier Beobachtungsjahren Erhöhungen der
Kreatinkinase bei 16% der Patienten am häufigsten. Diese war jedoch bei 68%
einmalig und vorübergehend und kein zuverlässiger Indikation für eine
Muskelstörung, denn lediglich 29% der Patienten mit muskulären Nebenwirkungen
und nur 36% derer mit Muskelbeschwerden hatten eine erhöhte Kreatinkinase.
Insgesamt waren Muskel-assoziierte Nebenwirkungen mit 4,1% selten und eine
Myopathie bzw. Myositis mit 1,1% noch seltener. Veränderungen der
Nierenfunktion wurden nicht beobachtet (Avila C et al. #472).
Entecavir: Laktazidose bei Patienten mit
schlechter Leberfunktion
Unter Entecavir wurden an der
Universität Frankfurt bei Patienten mit stark eingeschränkter Leberfunktion
schwere Laktazidosen beobachtet. 5/16 Patienten mit fortgeschrittener
Leberzirrhose hatten ein Laktat von 40-200 mg/dl und einen pH von 7,02-7,35.
Die Laktazidose trat innerhalb von vier bis 240 Tagen nach Therapiebeginn auf
und alle Patienten hatten einen MELD ≥20. Bei drei Patienten war die
Laktazidose ausgeprägt (<7,3). Ein Patient verstarb, bei den anderen bildete
sich die Laktazidose nach Absetzen von Entecavir zurück (Lange CM et al. #217). Dr. Ramona Pauli, München
Ausgabe 2 - 2009
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