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Ausgabe 2 - 2009
Wolfram H. Gerlich, Giessen HBsAg-Quantifizierung Warum und wie? Das
Surface-Antigen (HBsAg) des Hepatitis B Virus (HBV) ist seit seiner Entdeckung
in Seren von Patienten mit akuter Hepatitis im Jahre 1968 die Hauptstütze der
Hepatitis-Diagnostik. Entsprechend viel Aufmerksamkeit wird der Sensitivität
und Spezifität der HBsAg-Testkits geschenkt. Vernachlässigt wurde aber
jahrzehntelang die Quantifizierung des HBsAg, obwohl schon in den 1970er Jahren
genaue Methoden hierfür entwickelt worden waren (Gerlich & Thomssen 1975). Dies hatte mehrere
Ursachen:
- 1Die
Diagnostika-Hersteller scheuten den zusätzlichen Aufwand einer quantitativen
Eichung ihrer Tests.
- Die
Kliniker erlagen einem Schwarz-Weiß-Denken und begnügten sich mit einem
Positiv/Negativ-Befund.
- Die
Forscher und Institutionen, die quantitative Verfahren und Referenzpräparate
entwickelten, waren sich nicht einig und schufen ein Wirrwarr
widersprüchlicher, z.T. falscher Maßeinheiten für HBsAg (s.u.).
Gründe für HBsAg-Quantifizierung
Dabei gibt es viele gute Gründe, HBsAg
quantitativ zu messen und gut definierte klinisch relevante Referenzpräparate
zu verwenden.
- Selbst wenn die
HBsAg-Menge bei reinen Screeningtests nicht interessiert, ist es doch für die
objektive Feststellung der analytischen Sensitivität und die Qualitätssicherung
der Diagnostik notwendig, Referenzpräparate mit definiertem zuverlässig
konstantem HBsAg-Gehalt zu verwenden. Hierfür stehen seit 1975
Standardpräparate des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) (Gerlich & Thomssen
1975), seit 1984 auch der WHO zur Verfügung (Ferguson et al. 2003).
- Die HBsAg-Konzentration im
Serum ist ein indirektes Maß für Zahl und Expressionsaktivität der
intrahepatischen cccDNA-Formen des HBV-Genoms. Bei geringer HBV-spezifischer
Immunabwehr und Vorliegen von HBeAg korreliert die Gesamtmenge des
zirkulierenden HBsAg sehr gut mit der Zahl der zirkulierenden HBV-Partikel
(gemessen durch realtime PCR auf HBV-DNA). In einer von der WHO und dem PEI
initiierten Studie zu Referenzpräparaten für HBsAg und HBV-DNA (M. Chudy et al.
2009) betrug das Verhältnis von HBsAg in den Viruspartikeln zu der Menge an
subviralen 20 nm HBsAg-Partikeln bei allen acht bekannten HBV-Genotypen 1:2700
± 1300. Dieses Verhältnis gilt allerdings nur für HBV-Träger mit HBeAg und
>107 IU/ml HBV-DNA (W. Gerlich, in Vorbereitung). Starke
Abweichungen von diesem Verhältnis sprechen dafür, dass entweder das Verhältnis
von HBsAg-Expression zu HBV-RNA-Prägenom-Expression (und/oder Transkription,
Translation, Sekretion) untypisch ist oder dass es eine selektive starke
Suppression der HBV-Reifung durch Therapie oder Immunabwehr gibt. In
Extremfällen kann das HBsAg in den üblichen Immunassays stark positive Signale
liefern, während HBV-DNA selbst mit
empfindlicher Nukleinsäureamplifikationstechniken (NAT) nicht nachweisbar ist.
- Selbstverständlich kann es aber keine HBsAg-Expression
ohne intrazelluläre HBV-DNA geben. In der Tat wurde auch und gerade bei
erfolgreich therapierten Patienten eine gute Korrelation
zwischen der
HBsAg-Konzentration im Serum und der intrahepatischen cccDNA gefunden (siehe J.
Petersen, Seite 24). Eine Leber-Biopsie ist natürlich viel schwieriger zu
erhalten als eine Serumprobe und auch die quantitative Bestimmung der cccDNA
ist im Gegensatz zur quantitativen HBsAg-Bestimmung nur in wenigen
Forschungslaboratorien möglich.
 Abb. 1: Prognose der akuten Hepatitis B. Deutschland, 1970er
Jahre, 370 Fälle, bioptisch bestätigt. Gerlich,
Stamm, Thomssen Verh. Dtsch.Ges.
Inn.Med. 1977, 83,554-557
 Abb. 2: Prognostischer Wert der
HBsAg-Konzentration vor Interferontherapie. Düsseldorf, 1990er, 96 chronische
HB-Patienten. Erhardt et al. Hepatology
2000; 31:716-725
 Abb. 3: HBsAg-Bestimmung bei
Therapie-Monitoring. Moucari et al.
Hepatology 2009 April 49(4):1151-7
- Aufgrund dieser Umstände ist es naheliegend, das
HBsAg quantitativ zu bestimmen. Schon in den 1970er Jahren wurde gezeigt, dass
eine Abnahme der HBsAg-Menge um mehr als 60% innerhalb von 4 Wochen nach
Krankheitsbeginn das Ausheilen einer akuten Hepatitis B anzeigt, während eine geringere
Abnahme bzw. Konstanz oder Zunahme in über 90% von Chronifizierung gefolgt war
(Gerlich et al. 1977, Abb. 1). Spätere engmaschigere Messungen der HBV-DNA- und
HBsAg-Kinetik bei Patienten mit akuter Hepatitis B zeigten, dass die
Halbwertszeit des HBsAg zunächst bei 8 Tagen lag, aber nach 4 Wochen auf 6 Tage
abgenommen hat, so dass sich also die HBsAg-Elimination im Verlauf der
Krankheit auf Grund der Immunantwort beschleunigte und schließlich zum völligen
Verschwinden führte. Die Halbwertszeit der HBV-DNA war dagegen zunächst sehr
kurz – 1,6 Tage – nahm aber immer mehr zu, so dass im Endeffekt die HBV-DNA auf
niedrigem Niveau persistierte (Chulanov et al. 2003).
- In zwei älteren Studien
zur Therapie mit Interferon wurde gezeigt, dass eine niedrige HBsAg-Konzentration
vor Therapie unter 30.000 PEI-Einheiten/ml mit einem bleibenden Erfolg
(HBeAg-Serokonversion, Normalisierung der Transaminasen) verknüpft war
(Burczynska et al. 1994; Erhardt et al. 2000). Dies gilt aber nur für
HBeAg-positive Patienten (Abb. 2). Leider wurden diese älteren Befunde wenig
beachtet.
- In
den letzten Jahren wurde das Hauptaugenmerk auf die Veränderung der
HBsAg-Konzentration unter und nach Interferontherapie gelenkt (s. J. Petersen,
S. 24). Charakteristisch für die Interferontherapie ist, dass sie bei einigen
Patienten noch Jahre nach Therapie-Ende zu einem Verschwinden des HBsAg führt,
was sich allerdings schon zu Therapie-Ende durch niedrige HBsAg-Konzentrationen
ankündigt (Brunetto et al. 2009). Noch bedeutsamer ist, dass sich der relativ
seltene langfristige Erfolg einer 48-wöchigen Interferontherapie schon während
der Therapie durch eine stetige Abnahme des HBsAg erkennen lässt, wobei eine
Abnahme um mehr als eine halbe 10log-Stufe innerhalb von 12 Wochen einen
negativen Vorhersagewert von 90% und einen positiven Vorhersagewert von 89% hat
(Moucari et al. 2009; Abb. 3). Angesichts der Tatsache, dass nur 21% bzw. 25%
sich einer anhaltenden Heilung (sustained viral response, SVR) nach
langfristiger Therapie (48 Wochen) erfreuen, ist ein frühes Erkennen des
späteren Erfolgs bzw. Misserfolgs bereits nach 12 Wochen ein sehr wesentlicher
Fortschritt. Allerdings handelt es sich bei den beiden Studien nur um
retrospektive Analysen, so dass nunmehr prospektive Studien folgen sollten.
Marker für Viruslast in der
Leber
Bislang bestand das Therapie-Monitoring
ausschließlich auf der quantitativen Messung der „Viruslast“ im Serum. Diese
Messung muss sowohl bei Interferon als auch Nukleos/tid-Therapie beibehalten
werden.
Wie aber erwähnt, zeigt diese Messung nur die
kurzfristige Unterdrückung der Virusreifung und -Sekretion. Die eigentliche
Viruslast in der Leber kann dagegen mit der HBsAg-Menge besser abgeschätzt
werden, wenngleich es große individuelle Unterschiede zwischen intrazellulärer
Virusgenomzahl, Expression und tatsächlicher HBsAg-Konzentration geben mag.
Methoden und Einheiten
Für zukünftige Studien
wird es sehr wesentlich sein, die HBsAg-Konzentration untereinander zu
vergleichen, sofern man sich darauf verlassen kann, dass die Messmethoden
richtig geeicht sind. Dann wird es auch möglich sein, nicht nur die relativen
Änderungen der HBsAg-Menge unter Therapie, sondern auch absolute Werte zu
Beginn der Therapie bereits in die Therapieplanung einzubeziehen. Die modernen
quantitativen Testkits werden mit Hilfe eines WHO-Standardserums in
International Units (IU) per ml geeicht. Die früher häufige Angabe in Nanogramm
HBsAg-Protein/ml wird von der WHO ausdrücklich abgelehnt, da bei einem
internationalen Ringversuch die Nanogramm-Angaben aufgrund unterschiedlich
geeichter Referenzpräparate bis zum Faktor 10 voneinander abwichen (Ferguson et
al. 2003).
Dennoch ist es möglich, die
willkürlichen IU in SI-Einheiten zu eichen, wie dies schon vor 34 Jahren für
die PEI-Einheiten gezeigt wurde (Gerlich & Thomssen 1975). Für das
zukünftige HBsAg-Genotyp-Panel der WHO wurde in der Mehrzahl der Proben (12/16)
eine erstaunlich konstante Beziehung zwischen physikochemisch gemessenen
HBsAg-Gehalt in Nanogramm und der HBsAg-Reaktivität im Immunoassay Architect
der Fa. Abbott gemessen. Ein Nanogramm entsprach dabei 1,08± 0,13 IU.  Abb. 4: Quantitative Immun-Elektrophorese (QIE) von HBs-Antigen (Laurell-Elektrophorese). Gerlich und Thomssen, Devel. Biol. Standard 1975. Gerlich et al., 2004. Hepatitis B Virus Protocols Allerdings gab es auch vier
Ausreißer, die z.T. deutlich höhere IU-Werte pro Nanogramm zeigten. Mit dem
In-Haus-Test des Autors, der Laurell-Elektrophorese (Abb. 4), wurde dagegen für
alle Proben ein Wert von 1,2 IU pro Nanogramm gefunden. Da nicht vorausgesetzt
werden kann, dass alle Tests alle Genotypen und Varianten gleich gut erkennen,
ist in jedem Fall die Angabe von IU/mL empfehlenswert. Man muss dabei im Auge
behalten, dass der Internationale Standard der WHO HBsAg des Genotyps A2
enthält, der nur in Mitteleuropa und den USA häufig ist, während 99% der
HBV-Träger weltweit andere Genotypen aufweisen. Unter Beachtung dieser Fakten
wird die Anwendung einheitlich geeichter Testkits einen wesentlichen
Fortschritt bringen.
Zu beachten ist noch, dass die HBsAg-Mengen zu
Beginn einer akuten Hepatitis B oder bei HBeAg-positiver unbehandelter
chronischer HBV-Infektion meist sehr hoch sind und im Bereich von 30.000 bis
200.000 IU/ml liegen. Der lineare Messbereich der Testkits reicht dagegen u.U.
nur bis (einige) Hundert IU/ml, oft sogar nur bis 10 IU/ml. Dies bedeutet, dass
man die Probe so stark verdünnen muss, dass das Ergebnis im linearen
Messbereich liegt. Dies erfordert sorgfältige Verdünnungsarbeit und eine
individuelle Beurteilung der zu erwartenden HBsAg-Konzentration. Dass eine
genaue Messung der HBsAg-Menge von Nöten ist zeigen die bisherigen Studien, wo
bereits eine Abnahme um den Faktor 3 innerhalb von 3 Monaten für die Bewertung
des Therapie-Erfolgs bedeutsam war. Die Unterschiede zwischen den Respondern
und Nonrespondern vor Therapie sind noch geringer. Daher sollte man in Zukunft
erwägen, wieder von der logarithmischen Darstellung abzukommen. Diese ist für
die Viruslast wegen der sehr großen Unterschiede, aber auch wegen der
geringeren Messgenauigkeit sinnvoll, sie nivelliert aber relevante
HBsAg-Konzentrationsunterschiede zu stark.
Nach den Erfahrungen des
Autors verstehen die meisten Laborärzte die Bedeutung der HBsAg-Quantifizierung
bislang nicht und halten die HBV-DNA-Bestimmung für ausreichend. Es wird
sicherlich noch eine Reihe guter klinischer Studien sowie sorgsamer
methodischer Arbeiten brauchen, bis dieser alte und nun wieder neue Parameter
die gebührende Anerkennung gewinnt. Prof. Wolfram H. Gerlich Institut für Medizinische Virologie Nationales Referenzzentrum für Hepatitis B Viren Frankfurter Straße 107 · 35392 Giessen E-Mail: Wolfram.H.Gerlich@viro.med.uni-giessen.de Brunetto MR, Moriconi F, Bonino F, Lau GK, Farci
P, Yurdaydin C, Piratvisuth T, Luo K, Wang Y, Hadziyannis S, Wolf E, McCloud P,
Batrla R, Marcellin P. (2009). Hepatitis B virus surface antigen levels: a guide to
sustained response to peginterferon alfa-2a in HBeAg-negative chronic hepatitis
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